
Russland
Einwohnerzahl 145 Mio. (!)
Hauptstadt Moskau, 13 Mio.
Grössenvergleich 400 (!) x grösser als die Schweiz
Visum Ja. Für 10 Tage Transit kostet das
Visum für beide 280 CHF.
Währung Rubel
Grenzübertritt Kosten Keine
Carnet de Passage nötig Nein
Dieselpreis 0.80 Rp., infolge des Krieges im Moment sprunghaft auf fast 1 Franken
Regierungsform Russland ist laut Verfassung eine demokratische föderative Republik.
Religion Schätzungen zufolge bezeichnen sich etwa 75 % der Bevölkerung als orthodox. Der Islam ist die zweitwichtigste Religion, insbesondere im Kaukasus und in Regionen wie Tatarstan
Sprachen In Russland werden neben der Staatssprache Russisch über 120 weitere Sprachen aus 11 Sprachfamilien gesprochen. Viele davon werden aber nur noch von kleinen Minderheitegesprochen und sind daher vom Aussterben bedroht.
Haupteinnahmequellen Die Haupteinnahmequellen Russlands basieren maßgeblich auf dem Export natürlicher Ressourcen, wobei Öl und Gas die mit Abstand wichtigsten Devisenbringer darstellen. Trotz westlicher Sanktionen nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine im Jahr 2022 bilden diese Rohstoffe das Fundament des Staatshaushalts.
Interessantes & Skurriles
Russland ist ein weltweit führender Exporteur von Weizen, was eine wichtige Einnahmequelle im Außenhandel darstellt. Aufgrund des Krieges in der Ukraine hat sich die Wirtschaft stark auf die Produktion von Rüstungsgütern verlagert, die den Staatshaushalt und die Industrieproduktion stützt
Russland ist mit rund 17,1 Mio. km² das flächengrößte Land der Erde
Oimjakon – ein Dorf in Sibirien, hält den weltweiten Rekord als kältester bewohnter Ort der Welt. Im Jahr 1924 wurden dort -71,2 Grad gemessen
Ursprünglich wurde Alaska von Russen entdeckt. 1867 verkaufte es Russland für 7,2 Mio. Dollar an die USA
Wer einer Russin eine gerade Anzahl an Blumen schenkt, sollte sich auf böse Blicke einstellen – nur zu Beerdigungen und im Trauerfall darf die Anzahl der Blumen gerade sein
Das Frauenwahlrecht in Russland wurde 1917 eingeführt. Damit gehört Russland zu den ersten 6 Ländern, in denen Frauen wählen durften. Nebenbei, Deutschland folgte ein Jahr später....und gaaaanz viel später, 1971 die Schweiz 🤭
St. Petersburg ist die Kulturhauptstadt Russlands. Dort befinden sich ca. 2000 Bibliotheken, mehr als 200 Museen, 80 Theater und 45 Galerien
Ermitage (St. Petersburg) ist eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Um sich alle 3 Mio. Werke für eine Minute anzusehen, muss man 25 Jahre lang täglich 8 Stunden im Museum verbringen.
Fun Fact: Um den Ermitage vor Ratten und Mäusen zu schützen, leben dort 25 Katzen, laut einigen Angaben sogar mehr. Jede hat einen Ausweis mit einem Foto
...und das gefällt mir ganz besonders:
Der Bürgermeister der Stadt Megion hat 2007 offiziell Ausreden verboten. Er veröffentlichte eine Liste mit 27 Ausreden, die man nicht mehr benutzen darf, darunter fallen: „Ich weiß es nicht“, „Ich hatte Mittagspause“, „Der Arbeitstag ist zu Ende“, „Was soll ich tun?“, „Jemand anders ist dafür verantwortlich“. Sehr cool.



Für unseren Transit durch Russland haben wir also das 10 Tages Visum in der Tasche. Wir haben die Wahl zwischen zwei Strecken für die Fahrt zur Grenze nach Kasachstan. Die kürzere, etwa 730 km in rot, führt durch das Tschetschenengebiet um Grosny.
Dort gibt es immer wieder politischen Zwischenfälle, weshalb auf dieser Strecke viele Polizei- und Militärkontrollen zu passieren sind.
Die längere Strecke ist etwa 950 km lang und führt weiter durch das Innere des Landes, aber es sollen nur etwa vier Checkpoints zu passieren sein. Zudem haben uns andere Reisende erzählt, dass es auf der längeren Strecke viele Sehenswürdigkeiten gibt, unter anderem die Stadt Elista, die einzig buddhistisch geprägte Stadt im geographischen Europa.
Wir überlegen noch, werden uns aber wahrscheinlich für die Strecke über Elista entscheiden. Jedenfalls sollen die Strassen weit besser sein als in Georgien. Ich würd sagen "Daumen hoch"!
Internet soll es auf dieser Strecke nur zeitweise, wenn überhaupt geben. Wir werden sehen und berichten.
22.6. Border Run Georgien - Russland
Um 5 Uhr klingelt bei uns der Wecker. Draussen ist es noch düster und die Wolken hängen schwer bis tief ins Tal. Nach einem ersten Kaffee machen wir uns auf den Weg über die ziemlich schlechte Strasse in Richtung Grenze. Es hat zum Glück wenig Verkehr, denn ab und zu sind die Kurven echt schmal, man muss immer wieder grossen Löchern im Asphalt ausweichen und wenn so ein Riesenbrummi entgegen kommt, wird's eng. Die Schlaglöcher werden grösser und grösser und die Tunnel dunkler, aber wir kommen gut voran und sind um 6 Uhr an der Grenze für die Ausreise aus Georgien.
Beifahrer müssen wie bei der Einreise zu Fuss durch ein separates Gebäude, der Fahrer rollt mit dem Fahrzeug weiter. Meine Passkontrolle ist schnell gemacht, Tinu auch kommt gerade zum Ausgang als ich das Gebäude verlasse. Ausreise Georgien: 10 Minuten. Kein Anstehen, kein Mensch.
Wie immer ist die Strasse durchs Niemandsland zwischen zwei Ländern miserablen. Auf den etwa 3 km bis zur russischen Grenze, lagern unzählige Autowracks am Strassenrand, die nach Unfällen nicht weggeräumt wurden. Als Mahnmal oder weil sich einfach keiner dafür zuständig fühlt? Wir sind überrascht wie wenig LKW's am Strassenrand geparkt sind, denn wir kennen Bilder, da hat die Kolonne der wartenden "Nichtabgefertigten" viele Kilometer betragen. Aber heute ist alles frei, erst als die ersten Gebäude der russischen Grenze in Sichtweite kommen, stehen die ersten grossen Laster in den entsprechenden Spuren. Wir fahren direkt zum vordersten Container, eine uniformierte Frau bedeutet uns auszusteigen und ihrer Kollegin am Computer die Pässe zu überreichen.
Machen wir, einmal Lächeln für die Kamera, checken des Visum und zack, schon gibts den ersten Stempel auf dem Gate Pass. Den Gate Pass gibt es eigentlich an fast allen Grenzen. In der Regel ein Zettelchen nur in der Grösse eines Post-its, aber nicht zu unterschätzen. Auf dieses bekommt man nämlich wie bei einem Postenlauf bei jedem Office ein Stempel, und ganz am Ende, wenn man glaubt in die Freiheit entlassen zu werden, will am Tor des Geländes ein Grenzbeamter das vollständig ausgefüllte Zettelchen einziehen. Da hat man mit Lücken auf dem Papier ganz schön verloren und muss zurück auf Feld eins.
Für uns geht es nach nur ein wenigen Minuten weiter zur Fahrzeugkontrolle. Tinu öffnet alle Türen, Handschuhfach etc. damit der Zöllner freien Zugang zu den diversen Verstecken hat. Er nimmt es nicht allzu genau, allerdings muss Tinu doch die Kisten aus dem Kofferraum ausladen, aber er wirft nur einen flüchtigen Blick hinein und das wars schon. Währenddessen unterhalte ich mich mit einem anderen Grenzer über die Schweiz, unsere Sprachen und natürlich wie immer, Roger Federer. Dieser Zöllner weiss sogar wer Stan Wawrinka ist, und bevor wir für unseren gemütlichen Plausch Kaffee holen können, ist Tinu auch schon fertig. Zack, zweiter Stempel auf dem Gate Pass.
Nächster Programmpunkt auf der To-Do Liste ist der Scanner fürs Fahrzeug. Wir werden von einem hochrangigen Grenzer in Kampfanzug um die Ecke geschickt wo nur gerade ein Laster auf die Einfahrt zum Röntgengerät wartet. Nach wenigen Minuten bekommt unser Indy ein Herz-Lungen-Scan, wir müssen dazu natürlich aussteigen und in einem Office warten. Derweil werden die Fahrzeugpapiere im Office überprüft und kopiert. Zack, Stempel Nr. drei. Ob das die schnellste Grenzüberquerung Georgien - Russland in der Geschichte wird?
Wir frohlocken bereits, haben aber nicht damit gerechnet, dass uns Blondie und Brünette noch in den Rekord reingrätschen. Jetzt kommt nämlich die Königsdisziplin der russischen Grenze. Das Ausfüllen der Fragebögen, für den temporären Import des Fahrzeugs. Wir haben schon die verrücktesten Geschichten darüber gehört. Es muss sehr deutlich geschrieben werden, die beiden identischen Formulare dürfen in keinster Weise voneinander abweichen, es darf nirgends etwas unter-oder gar durchgestrichen werden, Korrekturen werden nicht toleriert, und es darf natürlich ausschliesslich vom Fahrer ausgefüllt werden und ist offenbar ziemlich trickreich. Ein österreichisches Paar, welches 5 mal den ganzen Sche*** ausfüllen musste, hat sich an ein Muster gemacht, und für Reisende auf einer Chatgruppe hochgeladen. Danke dafür!
Wir holen also bei Blondie, mit viel Erfahrung in plastischer Chirurgie, die drei Zettel. Und sofort schliesst sich das Fenster des Schalters wieder, es gibt keine Schreibfläche nix, also nehmen wir die Zettel mit in unser Auto. In schönster Blockschrift fülle ich also akribisch Zeile für Zeile aus, und bin mir am Ende meiner Sache ziemlich sicher.
Wir bummeln zurück zum geschlossenen Schalter, klopfen höflich, da das Fenster mit Zetteln zugeklebt ist, sieht man nämlich nicht ob jemand im Büro ist oder nicht. Nach dem zweiten Klopfen öffnet ein brünettes Barbie, mit straffer Uniform und strengem Blick nimmt sie die Zettel entgegen und verzieht beim Lesen keine Miene. Das kann aber auch dran liegen, das beim letzten Eingriff die Haut zu straff angezogen wurde. Sie nimmt ihren Stift, zum Glück ist er der Erinnerung wegen immerhin nicht rot, und streicht dieses und jenes durch, und ja, es geht für uns zurück zum Start. Vieles erschliesst sich uns nicht. Warum ist "Place of Destination" Moskau, und warum braucht unser Indy nicht ein Transitvisum sondern ein normales. Auf der Linie wo Tinu am Ende unterschreiben muss, steht auf einer zweiten ausdrücklich "Name and Surname". Also kommt doch da in Blockschrift für unser Gutdünken nochmal Tinus Name in Blockschrift. Das will sie aber da auf keinen Fall haben. Nur die Unterschrift. Wir vermuten, dass sie das Kaffee-Schwatzpäuschen mit Blondie noch etwas ausdehnen will und uns deshalb wieder in die Wüste schickt.
Zähneknirschend setzten wir uns also nochmal an die Formulare, geben uns richtig Mühe, füllen alles aus und bummeln erneut guten Mutes zurück zum Schalter. Klopfen. Nach einer Weile schnellt ein dünner Arm aus dem Fenster, greift sich unsere Formulare und fix ist das Fenster wieder geschlossen. Es dauert eine ganze Weile, wir halten das für ein gutes Zeichen. Und tatsächlich. Wir bekommen unsere Papiere gestempelt zurück, und sogar auf dem Gate Pass ist Stempel Nr. 4! Wir fahren also mit dem ganzen angesammelten Karsumpel in Richtung nächstem Posten - aber das wars. Keine Einzelinterviews zur politischen Gesinnung, keine Kontrolle des iPhones, nur noch zum letzten Zöllner. Der wichtigste Mann im Zirkus. Er sammelt den komplett ausgefüllten Gate Pass ein. Voilà, haben wir !
Es ist gerade mal 8.15 Uhr als wir mit den Worten "Welcome to Russia" auf gute Asphaltstrasse einbiegen. Etwas mehr als zwei Stunden hat dieser Border Run gedauert. Die Grenzer waren alle freundlich - bis auf die Barbies - einige konnten sogar recht gut Englisch, tja das wars.
Als wir die etwas über 40 km in Richtung Wladikavkas fahren, merken wir schnell wie schön doch funktionierende GPS APPs sind, und wie praktisch wenn google maps seinen Dienst tut. Natürlich ist es auch kein Nachteil, wenn man die Verkehrsschilder lesen kann - dies ist hier bei uns alles nicht der Fall. Russisch können wir nicht, und der Drohnenangriffe aus der Ukraine wegen, wird das Internet oft abgeschaltet und GPS Sender gestört. Es läuft also wie früher. Ein bisschen mit Gefühl, ein bisschen mit Tinus Erinnerung (er hat ja die Karten vorher schon mal studiert), fahren wir also an den Stadtrand der 500 000 Einwohner zählenden Stadt. Da es noch so früh ist, sind wir weit vor der Rushhour- kein Nachteil unter diesen Umständen.
Wir wissen von einer grossen Mall, wo es offenbar möglich sein soll, auch als Ausländer eine SIM Karte zu bekommen, zudem gibts eine gute Wäscherei und einen grossen Baumarkt. Können wir alles brauchen, aber wir sind so schnell über die Grenze gehuscht, dass bei unserer Ankunft noch alles geschlossen ist. Also machen wir erst mal Kaffee und geniessen ein gutes Zmorge mit letztem georgischem Brot.
Um 9 Uhr tingeln wir mit der ganzen Dreckwäsche in Richtung Einkaufszentrum. Das Rollo der Wäscherei ist noch unten, aber Schlag neun, kommt eine ältere Dame und öffnet mit ihrem Schlüssel die Tür. Sie checkt natürlich sofort, das wir Touris sind, und fragt ob wir Spanisch sprechen würden. Sie habe 20 Jahre in Barcelona gelebt. Was für ein Segen! Es plappert also wie von selber, endlich wieder mal eine Einheimische mit der wir uns mehr als über Google translate verständigen können. Toll! Sie nimmt unser ganzes Zeug entgegen, kassiert für zwei grosse Maschinen 15 Euro, und meint, ab 12 Uhr sei alles bereit. Sie gibt uns noch einige Tipps und ist wirklich super nett.
Heute haben wir einen echten Lauf, daher wollen wir den Schwung noch für die SIM Karte mitnehmen. Leider braucht man dazu entweder eine Sozialversicherungsnummer oder muss sich auf der Regierungsseite registrieren. Der einzige Laden, bei dem es offenbar ohne das alles funktionieren könnte, hat ein Computerproblem. Alles abgeschaltet. Warum auch immer. Jedenfalls sollen wir später wiederkommen.
Somit stürzen wir uns als nächstes in den Baumarkt. Wir brauchen ein paar Dinge, und dieser Laden kann es echt mit jedem Hornbach oder Do it in der Schweiz aufnehmen. Riesig. Wird nur noch vom benachbarten Lebensmittelsupermarkt übertroffen.
Da gibt es alle Marken, aus allen Ländern, in jeder Grösse und jeder Art. Das mit den Sanktionen scheint nicht wirklich zu greifen. Aber wir können alles einkaufen, bekommen am Mittag unsere Wäsche inklusive Umarmung, Abküssen und einem letzten Plausch in Spanisch picobello zurück und später gibts sogar noch eine SIM Card. Funktionieren tuts halt dann trotzdem nicht wirklich, denn wenn die Regierung das Internet blockiert, dann betrifft das alle. He nu. Ein bisschen Internet Detox schadet wohl auch nicht.
23.6. Wladikavkas - Pjatigorsk
In der Stadt zu übernachten haben wir keine Lust und auf Stadtzentrumsbummel eigentlich auch nicht. Wir fahren also noch ein Stück und finden etwa 60 km weiter einen wunderbaren Platz am Fluss auf einem Feldweg. Übrigens haben wir kurz vorher noch den ersten Checkpoint passieren müssen. Alle Laster und Fahrzeuge wurden kontrolliert. Von uns wollten sie die Pässe mit den Visa sehen, Tinu musste kurz aussteigen um den Kofferraum zu öffnen und mit einem Zöllner mit in ein Container-Office gehen. Dort wurden die Fahrzeugpapiere geprüft und er wurde wieder entlassen. Also eine kurze Sache und total korrekt und nett. Offenbar sind diese Checkpoints an den inneren Grenzen. Also wie Kantonsgrenzen oder Grenzen von Bundesländern.
Wir parken also am Fluss und gehen davon aus, dass hier eh keiner lang fährt. Eine wunderbare Feldblumenwiese und einen schönen Fluss direkt vor der Nase. So mögen wir das. Die Landschaft hat sich nach der bergreichen Region zwischen Georgien und Russland stark verändert. Wir sind mitten im Landwirtschaftsgebiet wo sich riesige Korn-, Mais- oder Roggenfelder aneinanderreihen und grosse Apfelbaumplantagen bis an die Dörfer reichen. Und gross heisst in Russland gross. Das gilt auch für die Tankstellen unterwegs. Sie sind riesig. Haben unzählige Zapfsäulen und offenbar gibt es hier keinen Engpass, denn sie sind gut besucht.
Am Morgen erwachen wir mit Blick auf die verschneiten Fünftausender des grossen Kaukasus. Sehen ein bisschen aus wie Eiger, Mönch und Jungfrau von Zuhause aus. Beim ersten Kaffee fahren auf einmal grosse Brummis an uns vorbei, welche im Fluss Kies holen. Die Fahrer sind nett und winken, einige steigen aus und plaudern mit Tinu und obwohl sie nur wenig Worte mal in Deutsch oder mal in Französisch sprechen, sind sie sehr freundlich.
Wir fahren heute Richtung Pjatigorsk. Berühmt ist die 100 000 Einwohner zählende Stadt für ihre heissen Quellen, die guten Bade- und Kurhäuser und man kann sogar irgendwo die diversen Mineralwasser der Umgebung degustieren. Zudem ist sie das Verwaltungszentrum der Region Nordkaukasus.
Für uns liegt sie einfach auf dem Weg nach Kasachstan und ist ein guter Zwischenhalt. Auf dem grossen Parkplatz des Vergnügungsparks mitten im Zentrum stellen wir unseren Indy unter einen schattigen Baum, denn es ist schon recht heiss. Durch den gut gepflegten Park ist es nur ein Katzensprung ins Stadtzentrum. Die Ladenzeilen machen einen gepflegten und sauberen Eindruck, überall sind wunderschöne Blumenbepflanzungen und Brunnen, ab und an finden wir richtige Prachtbauten aus der Sowjetzeit, und dann ist da noch die russische Kirche, die auch Erlöser Kathedrale heisst. Wahnsinnig schöne, goldene Zwiebeltürme ragen in den blauen Himmel.
Wenn es in den Strassen laut wird, rattert demnächst eine der mindestens 50 jährigen Strassenbahnen vorbei. Hier sind das keine Museumsstücke oder Nostalgietrams für Events, es sind reguläre Transportmittel. Auf jeden Fall ist das Städtchen für einen Bummel genau richtig, man kann Glace schlecken und unter den grossen Alleebäumen ist die Temperatur sehr angenehm.
Eigentlich könnten wir auch auf dem guten Parkplatz in der Stadt übernachten, aber es hat so viele Gewässer in der Region, und ist so dünn besiedelt, dass wir uns lieber wieder einen Platz in der Natur suchen wollen. Weiter gehts also am Nachmittag noch in Richtung Elista. Die Stadt ist etwa 400 km weit weg, aber auf guter Strasse machen wir dennoch ein weiteres Stück in diese Richtung. Etwa 300 km vorher, finden wir am Fluss einen wirklich grossartigen Platz mit abendlichem Nachtigallgesang und ganz viel Einsamkeit. Schön.
24.6. Auf nach Elista
300 km weiter nordwärts wartet auf uns die am meisten geprägte buddhistische Stadt im Westen. Die Strasse ist meist in Ordnung, es hat wenig Verkehr und es wir sehr diszipliniert gefahren. Die Dörfer sind ziemlich weit auseinander, so dass man nicht dauernd über Kreisel, Stoppstrassen und Speedbumps fahren muss.
Die Landschaft ist gigantisch schön! Bis zum Horizont und weiter wird Landwirtschaft betrieben, und momentan sind ganze Mähdrescherflotten unterwegs um das bereits reife Korn zu ernten. Die riesigen Maschinen fahren zu acht oder zehnt nebeneinander, haben einen Werkstattwagen und einen grossen fahrbaren Container mit Unterkünften dabei.
Grosse Bäume schützen die Fahrzeuge auf der Strasse vor den starken Winden, aber die wurden in den letzten Tagen bei Gewittern arg mitgenommen. Dicke Äste liegen abgerissen am Boden, einige Bäume sind komplett gestürzt und die Strasse war offenbar überschwemmt. Aber die Fahrt ist richtig schön, am Strassenrand und auf den Feldern ist es auffallend sauber. Auch hier leben Kühe und Schafe nicht auf eingezäunten Weiden, aber die sind gut erzogen und bummeln nicht einfach kreuz und quer über die Strasse.
Immer wieder wird am Strassenrand auf grossen Plakaten für Nachwuchs für die Armee geworben. 35 000 Euro soll man bekommen, wenn man sich rekrutieren lässt, wir wissen allerdings nicht für welchen Zeitraum, soweit geht unser Russisch dann doch nicht...
Mit der Navigation ohne alles kommen wir mittlerweile gut klar. Wir merken uns, wie die ersten drei Buchstaben des Zielortes aussehen und suchen diesen jeweils auf den Wegweisern. Da in der Regel auch die Kilometer angegeben werden, kann man so ganz gut abschätzen, ob man noch auf Kurs ist oder nicht. Zudem hat es nicht viele Strassen oder Abzweige solange man Überland fährt. Wir finden jedenfalls Elista ohne Umweg, und bereits von weitem, sehen wir unser Ziel: den berühmten Goldenen Tempel des Buddha Shakyamuni. Er ist riesig, bunt und wunderschön, eine Wohltat nach den düsteren Bemalungen in den Klöstern und Kirchen Georgiens. Dieser Platz wurde vor dem Bau explizit vom jetzigen Dalai Lama ausgesucht und der Tempel nach Fertigstellung im 2005 gesegnet. Im Innern befindet sich mit 9 Metern, die grösste Buddha Statue Europas, und erst noch aus Gold. Umgeben wird der Tempel von 17 kleinen Pagoden die im Garten voller Rosen wunderschön anzusehen sind.
Und das schöne: wir dürfen direkt am Tempel parken und Übernachten.
Elista ist eine Stadt mit 120 000 Einwohnern. Sie wurde im 2. Weltkrieg von den Nazis besetzt und bevor sie von der Roten Armee befreit wurde, fast komplett niedergebrannt. Es gibt also nicht sehr viele alte oder historische Gebäude.
Und was das wirklich auffälligste ist: Wir haben irgendwie den Erdteil gewechselt. Die Menschen sehen seit Pjatigorsk total anders aus. Waren sie dort noch blond und "typisch" russisch, sehen sie jetzt komplett asiatisch aus. Runde Gesichter, dunkle Haare, kleine Schlitzaugen - so wie man Menschen von Fotos aus der Mongolei kennt. Sogar die Sprache klingt anders, obwohl wir natürlich auch davon nix verstehen. Verrückt dieser grosse Unterschied, nur auf diesen paar Kilometern. Gefällt uns!
Am Morgen wollen wir in der Innenstadt noch unser letztes Georgisches Geld umtauschen. Aber Money Exchanger gibt es hier keine, also versuchen wir unser Glück auf einer Bank, die nehmen jedoch nur Euro. Lari will hier keiner, aber vielleicht ja in Kasachstan. Jedenfalls wechseln wir ein paar Euros, es ist schwer einzuschätzen, wieviel Geld man braucht für die paar Tage. Mit Karte zu bezahlen ist soviel einfacher, aber in Russland funktionieren wegen der Sanktionen im Moment nur russische.
Auf dem Markt decken wir uns mit Früchten ein. Fast alles muss importiert werden. Nur Äpfel und Kirschen sind lokal, alles andere kommt von Zentralasien. Immerhin Nachbarländer. Wir kaufen Aprikosen, Himbeeren, frischen Knoblauch und Zwiebeln, Auberginen und Paprikas, eine Zitrone, ein paar Gurken, Rosinen und Baumnüsse, für umgerechnet etwa 8 Franken. In einem nahen kleinen Supermarkt finden wir noch die restlichen Produkte wie Milch, Joghurt und ein paar Dosen Bier, dann schlendern wir zurück zum Indy. Elista ist eine überschaubare nette Stadt mit ein paar Marktgassen und einem schönen Park und der Buddha Tempel ist ein wirkliches Highlight.
Durch die Stadt kommen wir gut voran, nehmen neu Kurs auf Astrachan, die Stadt 70 km vor der kasachischen Grenze. Durch die flache, endlose Ebene der russische Steppe, fahren wir gemeinsam mit vielen LKW's. Keine Checkpoints, wenig Dörfer und immer weniger Verkehr. Auf der Karte sind Seen eingezeichnet, an einem von denen möchten wir eigentlich übernachten. Aber das waren offenbar Steppenseen die nicht mehr oder momentan nicht existieren. Auf jeden Fall nur Trockenheit und Steppengras soweit das Auge reicht. Das Asphaltband ist lang, endlos und gerade, es gibt nur selten die Möglichkeit überhaupt von der Strasse runterzufahren.
Als wir eine sehen, fahren wir ab und finden einen wunderbaren Platz mit einer fantastischen Aussicht. Weite bekommt hier eine neue Bedeutung, nichts aber auch gar nichts gibt es hier. Ausser Steppengras, einer Million Heuschrecken und einer Milliarde Fliegen (später merken wir, dass wir sogar von ein paar hundert Riesenspinnen eingewickelt wurden. Ich geh da nicht näher drauf ein - es war supereklig)!
Aber unser neues Moskitonetz ist ein wertvoller Türsteher und fängt wohl 90% der flirrenden und sirrenden Zeitgenossen ab. Es bleiben aber immer noch genug übrig, die irgendwie den Weg ins Innere finden. Und da ich unsere Früchte zu Kompott und Mus verarbeite, werden die Fliegen im Indy ganz kirre. Die haben wohl in der Weite der russischen Steppe noch nie sowas leckeres gerochen und wollen unbedingt die Tütchen mit den portionierten Früchten entern. Einigen gelingt das auch. Wird wohl auch mal Müsli mit Aprikosenkompott und Fliege geben...
UND: genau wie in Marokko poppt ungefähr nach zwei Minuten ein Typ auf einem Moped auf. Wo der auf einmal herkommt? Wir wissen es nicht. Er ist unfassbar, dass doch noch immer jemand auftaucht, egal wie einsam das Fleckchen Erde ist. Aber lieber so, als wenn wir gerade die Aussendusche benutzen wollen. Dann kommt nämlich in der Regel auch jemand...genau wie in diesem Fall!!! Auch heute kam einer. Unfassbar!
Weiter geht es für uns geradeaus durch die Steppe, wir begegnen grossen Schafherden, kommen ab und zu an einem flachen Steppensee vorbei und viel zu oft und dicht stehen Kreuze mit Blumen in Erinnerung an tödlich verunfallte Menschen. Unterwegs kreuzen wir immer mehr Tieflader der Armee mit uralten grossen Tanks, die wohl Treibstoff in Richtung Moskau fahren. Andere Reisende haben berichtet, dass in der Hauptstadt Treibstoff knapp wird und wohl vom Hafen Astrachan den 1300 km langen Weg transportiert werden muss. In unserer Region werden die Schlangen an den Tankstellen auch länger, bei einigen reichten sie bis weit in die Strasse. Unser 20 Liter Kanister ist noch voll, wir werden aber trotzdem versuchen nochmal 20 oder 30 Liter für den Haupttank zu bekommen. Falls nicht, ist es kein Drama, wir gehen davon aus, dass in Kasachstan Treibstoff wieder zu bekommen ist.
Astrachan ist eine Stadt an der Wolga mit 500 000 Einwohnern, das Hauptquartier der Russischen Marine und der grösste Hafen am Kaspischen Meer, befinden sich hier. Seit dem 6. Jahrhundert war Astrachan ein wichtiger Warenumschlagplatz zwischen Europa und den Anrainern des Kaspischen Meeres. 1556 liess Zar Ivan der Schreckliche die Stadt belagern und vollständig niederbrennen. Nach der Eroberung durch das Zarentum Russland wurde die Stadt 1558 ein paar Kilometer weiter stromabwärts neu aufgebaut. Im Laufe des 17. Jahrhunderts gewann Astrachan als Transitpunkt des internationalen Rohseidenhandels wieder an Bedeutung. Der Fischfang (Stör/ Kaviar) entwickelte sich zum wichtigsten Wirtschaftszweig, der Weinanbau blieb hinter den hohen Erwartungen zurück.
In Astrachan angekommen, ist der Parkplatz bei dem wir übernachten wollten wegen eines Sommerfestes gesperrt. Aber auch der nächste, den wir ansteuern, hat Blick auf die breite Wolga, wo einige ältere, etwas abgenutzte Hotelschiffe festgezurrt sind und ihre Passagiere ausspucken. Überall werden Bühnen und Zuckerzeugstände aufgebaut. Leider ziehen sich bereits während des Soundchecks schwarze Wolken zusammen, da wird wohl der Gewittergott in diverse Anlässe reinpfuschen.
Direkt an der Wolga, die als längster und wasserreichster Fluss Europas rund 3500 km lang ist, bummeln wir der schönen Promenade entlang zum Astrachaner Kreml. Die vollständig erhaltene historische Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, ganz in weiss mit acht grünen Zwiebeltürmen, wurde nach Vorbild anderer Festungen (wie dem Kreml in Moskau) gebaut und hat eine bewegte Geschichte hinter sich, die man im Netz nachlesen kann. Ansonsten hat Astrachan kein wirklich attraktives Zentrum mit Plätzen oder Fussgängerzonen, das Ganze wirkt etwas verzettelt. Wir werden allerdings von einem heftigen Gewitter sowieso Richtung Indy geblasen und kochen da erst mal einen feinen Risotto mit Salat. Restaurants gibts nämlich wie in Elista auch hier nicht viele.
Da für uns das Abenteuer Russland hier endet, werden wir morgen an die Grenze nach Kasachstan fahren. Die ist etwa 70 km weit weg, und müsste mit etwas Glück in einem halben Tag zu schaffen sein. Wenn wir Glück haben, gibts auch noch irgendwo Wasser und Diesel. We'll see.
Fazit Russland: 6 Tage/ 1000 km
Wir haben von diesem gigantisch grossen Land nur eine klitzekleine Ecke gesehen. Die hat uns aber richtig gut gefallen. Die Menschen sind freundlich aber nicht aufdringlich, es ist einfach Übernachtungsplätze zu finden, einkaufen kann man sowieso fast alles, es ist super sauber und man fühlt sich überall sicher. Die Landschaft ist eindrücklich und hat uns richtig begeistert. Wir würden wiederkommen! Spasibo, Rossiya.














































































