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GEORGIEN

                                                                                     

Einwohnerzahl                    3.8 Mio.

 

Hauptstadt                          Tiflis, 1.2 Mio.

 

Grössenvergleich CH        1.5x grösser als                         

                                                die Schweiz - etwa gleich

                                                gross wie  Bayern

                                                                                               

                                                                                     

Visum                                      Nein

 

Währung                                 Ein Lari, unterteilt in 100 Tetri

 

Grenzübertritt Kosten         Autoversicherung für einen Monat etwa 65 CHF       

 

Carnet de Passage nötig   Nein

Dieselpreis                            1.30 CHF

 

Regierungsform                   Georgien ist eine parlamentarische Republik mit einem Mehrparteiensystem.                                                          Als Regierungschef bestimmt die Politik der Premierminister. Micheil                                                                         Qawelaschwili, der Präsident fungiert primär als Staatsoberhaupt

 

Religion                                  Das Christentum ist Staatsreligion. Etwa 85% der Bevölkerung gehört dieser                                                          Religion an, etwa 10% sind Muslime, einige gehören kleinen religiösen                                                                        Minderheiten an. Die Religion ist in Georgien allgegenwärtig, was sich an der                                                          hohen Dichte an Klöstern und Kirchen widerspiegelt 

 

Sprachen                               Die Amtssprache ist Georgisch, eine südkaukasische Sprache. Sie besitzt ein                                                        eigenes Alphabet mit 33 Buchstaben und ist nicht mit europäischen Sprachen                                                      verwandt. Unter der jungen Bevölkerung wird oft auch etwas Russisch                                                                      oder Englisch gesprochen.

 

 

Haupteinnahmequellen    Tourismus (insbesondere Schwarzes Meer), Weinbau, sowie der Export von                                                              Mineralien und Agrarprodukten

 

 

Interessantes & Skurriles   

 

Das Land ist geprägt von seinen hohen Bergen, dem Kaukasus, vergleichbar mit den Alpen in der Schweiz. Der Dychtau ist mit 5205 M.ü.M. der höchste Berg Georgiens.

 

Georgien ist eines der ältesten Weinanbaugebiete der Welt. Er wird seit 8000 Jahren nach traditioneller Methode in Tongefässen vergoren, die unter der Erde gelagert werden. Etwa 1000 (!) Rebsorten wurden in Georgien bereits angebaut.

Zudem produziert Georgien seit 1833 Tee. An der Pariser Weltausstellung 1900, an dem alle Tee produzierenden Nationen ausser China teilnahmen, gewann Georgien die Goldmedaille. Währen der sowjetischen Zeit versorgte Georgien die ganze Sowjetunion mit Tee. Massenproduktion stand damals im Vordergrund. Nach der Auflösung der Sowjetunion brach dieser riesige Markt ein, und viele der Teeplantagen mussten aufgegeben werden. Seit 2010 erlebt die georgische Teeproduktion wieder eine Renaissance mit Fokus auf Qualität und Originalität. Georgien produziert eine nachhaltige und naturnahe Teeproduktion mit vielen verschiedenen Sorten wie Weiss, -Schwarz, - Grün, -Gelb und Rottee, die wenig Bitterstoffe aufweisen.

Georgien
Seidenstrasse

23.5. Grenze Georgien - Batumi

 

Für unsere Verhältnisse stehen wir am heutigen Grenztag früh auf und geniessen unseren Kaffee am Ufer des Schwarzen Meeres. Das Wetter ist bereits am Morgen schön, Verkehr hören wir kaum welchen von der nahen Strasse, gute Vorzeichen für kurze Wartezeiten an der Grenze. 

 

An vielen Lastern vorbei fahren wir bis direkt zum Grenzposten, der 24 Stunden geöffnet ist, und wir sehen schon von weitem den separaten Eingang für Passagiere. Das mögen wir gar nicht. Wenn ich separat und zu Fuss über die Grenze muss, dann haben wir eh kein Internet und man weiss nicht wo und wie man sich wiederfindet. Aber nu, es ist wie es ist.

Ich bin gerade mal eine Minute unterwegs werde ich schon von einer älteren Frau angerempelt, ich solle diese Tasche mit über die Grenze nehmen! Sie will mir eine zerfledderte Tasche in die Hand drücken, was ich natürlich ablehne. Ein paar Meter später soll ich Zigaretten aus dem Duty Free Shop für einen Bruder über die Grenze mitnehmen. So geht das weiter, und mir geht auf, dass ich so ohne Gepäck natürlich ein gutes Opfer für den Transport von Übergepäck oder zu viel eingekaufter Zigis oder Schnaps wäre. Interessanterweise fragen sie nicht etwa höflich (was ich an ihrer Stelle als zielführender erachten würde), sonder rempeln mich an und fragen eigentlich gar nicht sondern verlangen. Spannend. 

 

Ich gehe also immer weiter, immer noch ohne Gepäck, komme an diesen Einreiseformularen vorbei, und da nirgends etwas in einer mir verständlichen Sprache steht, frage ich ein paar jüngere oder mittelalterliche Menschen ob sie Englisch verstünden und ob ich sie etwas fragen dürfe. Ein nein wäre schon als höflich zu werten gewesen, die meisten haben sich einfach weggedreht. Ooookay. Bei der langen Schlange für die Einreise, werde ich dauernd angerempelt, überholt oder weggedrängt. Wow. Ob das Georgier sind, oder welche Nationalität die wohl haben?! Die Menschen an dieser Grenze sind echt alle total schlecht drauf und mürrisch. Also echte Herzchen. Später gesellt sich zu mir noch ein Österreichischer Fahrradfahrer. Zu meinem Trost wurde auch er überholt und angerempelt. Vielleicht ist das "local system" - das Gesetz des Stärkeren? 

 

Irgendwann hab ich dann meinen Einreisestempel und verlasse die Ankunftshallen. Ich bin immer noch etwas irritiert vom Verhalten der Anwesenden. Draussen sehe ich unseren geparkten Indy, aber Tinu ist unterwegs um eine Versicherung abzuschliessen. Als wir uns wieder beim Auto treffen, erzählt er, dass die Grenzer und Zöllner nett gewesen seien, und nur einen kurzen Blick ins Auto geworfen hätten. Allerdings musste er erst nochmal zurück zum Start bei den Türken, um den ausstehenden Betrag von 2.20 CHF von der aufgelaufenen Strassenmaut zu bezahlen🤣.

 

Soweit so gut - wir sind in Georgien. Nächstes Ziel Batumi. Die zweite grosse Stadt des Landes, berühmt für ihre Casinos und Lage direkt am Meer. Ganz zentral direkt bei der Strandpromenade hat es hier einen grossen Parkplatz, auf dem Camper in jeder Grösse stehen dürfen. Nach einigem Feilschen können wir für 10 CHF pro Nacht bleiben und richten uns unter grossen Bäumen am Ende einer Sackgasse ein. Bereits auf den ersten Metern in Georgien könnten die Kontraste nicht grösser sein. Mondäne Hotels aller internationaler Ketten und tolle Renaissance Villen, stehen in krassem Gegensatz zu sowjetischen Plattenbauten in erbärmlichen Zustand, ebenfalls mitten im Zentrum. Anderswo würden solche Wohnblocks an bester Wohnlage gesprengt, denn Schäden in diesem Verfallsstadium sind irreversibel. 

 

Aber die kleinen Viertel in Batumi gefallen uns, und obwohl Samstag Nachmittag ist, herrscht hier keine Einkaufshektik wie bei uns, die kleinen Läden haben geöffnet, wir treffen überall auf kleine Theater, kleine Restaurants und Bäckereien, in allen Küchen stehen Frauen mittleren Alters, die die lokale Hausmannskost zubereiten. Seit langem gibt es hier auch wieder Weinstuben, Bars und viele Geschäfte die lokalen Wein und Schnaps verkaufen oder zur Verkostung anbieten.

 

Wir entlocken einem ATM schon mal lokale Währung, Lari oder GEL und erstehen eine günstige SIM Karte. Für einen Monat bezahlen wir für unbegrenzte Daten etwa 14 Euro. Unkompliziert und preiswert also. Mittlerweile sind wir, ja immer noch ohne Frühstück, ziemlich hungrig und machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem. 

 

Ein hübsches kleines Resti lockt uns an, die Dame im Service verzieht keine Miene als wir eintreten, bring aber immerhin eine Speisekarte. Sie kommt um die Bestellung aufzunehmen und spricht tatsächlich ein paar Brocken Englisch. Wir bestellen und Tinu sucht mal im Internet die Bewertungen des Restis. 3.5. huch, das ist nicht die Welt aber hey, es könnte auch schlechter sein. 

 

Wir warten sehr lange, sehen durch das leere Restaurant mindestens vier oder fünf Frauen, die in der Küche gemütlich zu Mittag essen. Aber wer wird denn ungeduldig. Irgendwann kommen unsere Teller und das Warten hat sich echt gelohnt. Super gute Khinkalis für mich, lokale Momo's, Wantans, Dumplings oder wie sie in allen Teilen der Welt heissen mögen. Gefüllte Teigtaschen, in meinem Fall mit Hackfleisch und richtig viel Koriander. Sie werden hier von Hand gegessen, man hält sie am "Stiel", beisst auf der Seite oder unten rein, schlürft erst die Brühe raus (verbrennt sich schon mal den Schnabel) und geniesst dann den Rest. Meine sind wahnsinnig gut und ich bin in Zukunft sicher. Ab Georgien, wenn ich nicht weiss, was ich bestellen soll, sind Teigtaschen meine erste Wahl, denn ich mag sie echt alle...

 

Tinu bekommt ein Chirbuli, dem Shakshuka im südlichen Afrika nicht unähnlich. Tomaten, Zwiebeln, Koriander etc. werden zu einer Gemüsesauce zerkocht, dann werden eingeschlagene Eier darin gekocht, dass Ganze wird mit Brot aufgetupft und gegessen. Schmeckt ausgezeichnet und ist richtig hausgemacht. Also das Resti war richtig gut, nur das Lächeln gibts nicht umsonst...

Als wir beim Indy wieder ankommen, stehen hinter uns doch tatsächlich chinesische Wohnmobile. Auf allen ist eine Karte ihrer Reise aufgezeichnet. Sie fahren eine grosse Runde von China bis in die Schweiz und wieder durch die Stanländer zurück. Schon verrückt die Chinesen 😝. Jedenfalls ist es in unserem Strässli total ruhig, nur ein deutsches WoMo hat sich noch dazugestellt. 

 

So gegen Mitternacht schlafen wir langsam ein, bis wir fast aus dem Bett fallen. Meeeeega laute Musik, nur von uns getrennt durch unsere Hecktüre, bringt unsere Trommelfelle zum Schlackern. Ein ganz kleines Auto, mit gaaaanz grossen Lautsprechern, lässt es krachen. Der denkt sich wohl, hier in dieser finsteren Gasse, weg von den Häusern stört sich keiner daran, er öffnet sogar beide Türen, weil es ihm wohl sonst im Innern zu laut ist. Aber nachdem er seinen momentanen Favoriten zum fünften mal abspielt hat, bin ich schon in seinem Fanclub. Wär ich nicht zu faul zum Aufstehen, würd ich ihn nach Titel und Interpret fragen. So cooler Sound aus Georgien. Ich versteh kein Wort, aber die Ukulele und die Flöten, dazu noch ein wunderbares Piano - ich finds mega. Ich nehm also mit meinem iPhone den Titel auf, was bei der Lautstärke problemlos geht, und werde morgen herausfinden um welchen Titel es sich handelt. Finde es echt blöd, als er so gegen zwei Uhr wieder wegfährt. Wer Bock hat: ich hab ihn gefunden...

Nachdem ich am Morgen etwas übernächtigt erwache, höre ich erst mal den neuen Überhit der Nacht. Hab ihn nämlich gefunden😜. Tinu ist mit den Nachbarn schon in Plauderlaune, denn er hat ja das nächtliche Intermezzo verschlafen...Ich geselle mich dazu und einmal mehr lernen wir nette Traveller kennen, zudem noch mit einem süssen Hund. Später machen wir uns auf den Weg zum sonntäglichen Lebensmittelmarkt. Wir bekommen dort allerlei zum Probieren - ob wir wollen oder nicht. Wein aus Himbeeren...Früchtestengel, die sind irgendwie aus eingedickter Paste und so weiter. Wir bummeln durch unbekannte Gegenden und finden es toll, wieder Neuland zu entdecken. Wir haben aber schon den Eindruck, dass Georgien ein deutlich ärmeres Land als die Türkei ist - und ehrlich gesagt, bis jetzt auch deutlich weniger fröhlich/ freundlich. Aber wir lassen uns gerne vom Gegenteil überzeugen. Sind ja noch eine Weile hier. 

25.5. - 28.5. Chakvi Strand

Drei Tage verbringen wir am wunderbaren Strand nördlich von Batumi mit Sicht auf ebendiese Stadt. Der grobe Kiesstrand sorgt dafür, dass das Wasser meist klar ist, und die Steine eignen sich wunderbar zum Bemalen. Als wir ankommen sind Romy und Ronald mit ihrem netten griechischen Strassenhund Paula noch am Strand geparkt. Das Deutsche Paar hatten wir ja schon auf dem Parkplatz in Batumi getroffen. Auch sie bleiben noch einen Tag und so gibt es mit netter Gesellschaft am Abend wieder mal ein schönes Feuer. Als sie am nächsten Tag weiterziehen, sind wir meist alleine, ab und zu kommen Fischer oder Spaziergänger aus dem nahem Ort. Aber auch hier: Die Fischer stellen sich nahe an unser Auto, mustern uns, grüssen nicht, wenn wir dann grüssen, murmeln die einen was oder auch nicht. Ein Lächeln gibts nie dazu. Was für ein Unterschied zur arabischen Halbinsel. Wir sind irgendwie total irritiert. Ist grüssen nicht in der DNA von Menschen? 

Jedenfalls gefällt uns der Strand, wir geniessen, dass endlich wieder mal die Sonne scheint. Der heutige Tag ist ganz dem Chinesischen Visum gewidmet. Hier ein kleiner Exkurs in die Welt der Visa: 

Bis vor Kurzem musste man um China zu bereisen, ein Visum haben, eine Agentur die die Papiere vorbereitet und dann im Land einen "Führer" oder Aufpasser, der einem auf der ganzen Reise entweder im eigenen Fahrzeug oder in seinem Auto begleitet. Natürlich auch mit hohen Kosten für Unterbringung, Sprit, Essen etc. verbunden. China setzt neuerdings auf Öffnung und hat Neuerungen eingeführt. Man braucht keinen begleitenden Führer mehr, nur noch eine Agentur die die Papiere (Fahrzeugausweis, Fahrausweis KFZ Schild alles in Chinesisch) vorbereitet und einem mit den Grenzformalitäten hilft. Dann einige Formulare, aber nichts Unmögliches. 

Tinu steht schon seit einiger Zeit in Kontakt mit Liv, die in einer Agentur arbeitet, die sich China Roadtrip nennt. Sie hat uns vorab schon einen Reiseplan geschickt, den sie der Sehenswürdigkeiten wegen empfiehlt, und uns den 12. Oktober als Einreisetermin vorgeschlagen, weil sie da schon eine Gruppe betreut. Wunschtermin wäre für uns etwa ein Monat früher gewesen, aber sie rät uns ab, denn in der ersten Woche Oktober ist die "Golden Week". Nationalfeiertag und Feierlichkeiten im ganzen Land, und offenbar sind alle Arbeiter dann Unterwegs zu ihren Familien weil sie ein paar Tage Ferien haben. Das Land sei kaum bereisbar. Restaurants, Nationalparks, Museen, Freizeitparks und vor allem auch Strassen seien komplett voll und alles sei viel teurer. Klingt vernünftig, also einigen wir uns auf den 12. Oktober. 

Für das Visum ist Tiflis, die Hauptstadt Georgiens, die letzte Gelegenheit für uns, denn in den diversen Stanländern braucht es einen Wohnsitznachweis um auf deren Botschaft eine Chance auf ein Visum zu bekommen. 30 Tage wären in China für Schweizer visumfrei, aber das reicht natürlich nicht für die 6000 km bis Laos. Verlängern im Land ist vielleicht zu schwierig. Wir brauchen also für ein Zweimonats-Visum für die

 

Botschaft in Tiflis folgende Unterlagen:

  • Ausgefüllte Formulare mit den Personalien

  • 2 Passfotos mit weissem Hintergrund

  • 2 Fotos von den Einreisestempeln des Beantragungslandes, also Georgien

  • 2 Flugtickets die die Ein- und Ausreise von China belegen

  • 2 Hotelbuchungen über 7 Tage in China

 

Wir beginnen also mit dem Ausfüllen des ganzen Gedöns, Tinu schmeisst sich an die Formulare, ich buch schon mal 2 "Fake Flugtickets" auf einer speziellen Seite, die eigentlich gar keine Flüge vermittelt, aber gegen 40 Euro Flugbestätigungen ausstellt. Zudem buche ich in Peking schon mal eine Woche Hotel, und wenn schon denn schon, dann ein geiles 5* mit allem drum und dran, und nach Erhalt der Bestätigung storniere ich es direkt wieder. Eigentlich schade.

Tinu kämpft währenddessen mit den Fotos, die er hochladen soll. Die waren eigentlich schon für einige andere Visa wie Iran, Saudi und Irak gut genug, aber hier werden sie vom System abgelehnt. Tinu krümelt sich also in der Dusche zusammen, weil das der einzige weisse Hintergrund in der Nähe ist. Und siehe da, dieses lausige Selfie wird vom System akzeptiert. 

Als Tinu sein erstes Formular absenden will, bekommt er eine Fehlermeldung, dass das Einreisedatum zu weit in der Zukunft liegt. Huch! Man muss offenbar nach stellen des Antrags, innerhalb von 90 Tagen einreisen. Das geht ja gar nicht. Würde ja heissen, dass wir die etwa 6000 km durch Russland, das riesige Kasachstan, das wahnsinnig interessante Usbekistan und dann auch noch Kirgistan innerhalb von drei Monaten durchqueren müssten!!!! Dabei gibt es doch soviel zu entdecken! Wir sind ein wenig ratlos. Machen uns mit ChatCPT, Gemini und der Reisecommunity auf Spurensuche nach einem Ausweg. Wir bekommen diverse, nicht probate Vorschläge von Leuten unterwegs und sogar von Zuhause machen sich liebe Menschen schlau, schicken Vorschläge und Kontakte. Herzlichen Dank an dieser Stelle!

Tinu nimmt Kontakt mit Liv auf, und schildert ihr per Whats App unser Dilemma. Meist ist sie superschnell mit ihrer Antwort aber heute schein in China ein Feiertag zu sein. Jedenfalls kommt von ihr nichts, also lassen wir das Ganze erst mal ruhen. Falls das tatsächlich so wäre, würde ich die Strecke bestimmt nicht schaffen. So viele Kilometer auf schlechten Strassen, da würden meine Schrauben ganz schön klappern. Ich seh mich also schon auf einer philippinischen Insel auf Tinu warten - aber das hatten wir ja alles schon - und da hab ich keinen Bock drauf. Mist.

Am nächsten morgen meldet sich Liv. Und sie hat eine saugute Nachricht. Sie meint, wenn wir so lange Zeit in den dazwischenliegenden Ländern haben möchten, empfehle sie uns, das Visum nicht im Vorfeld zu beantragen, sondern mit den 30 visumfreien Tagen einzureisen. Sie nennt uns zwei Städte unterwegs auf unserer Route in China, in denen es unkompliziert sein soll, eine Verlängerung zu bekommen. Und die soll sogar nur 1-3 Tage beanspruchen. Geht doch!

Liv rockts! Genau so, wie wir uns gewünscht haben. Auf diese Weise haben wir viel Zeit in den Stanländern (wir kommen ja in unserem Leben vielleicht nur einmal her), und können dann trotzdem 2 Monate in China umherreisen. Wir brauchen ja für Frühling 2027 auch nochmal auf dem Weg nach Südkorea ein China Visum, daher wollen wir nicht die ganzen drei Monate verpulvern. Scheint also, alles wird (oder ist) gut.

28.5. Vom Strand zu den heissen Quellen von Vani

Seit gestern haben wir zwei kasachische Familien, die mit georgischen Mietmobilen direkt zu uns gestanden sind, als Nachbarn. Erst fanden wir das ein bisschen blöd, weil wir wieder Kuschelcamper bei uns haben und sie zusätzlich wie selbstverständlich ihre Stühle direkt an das von uns bereits vorbereitete Feuer stellten, aber sie waren dann sehr nett. Wir haben sie gefragt, ob sie sich an "unserem" Feuer stören 😜, wir könnten das Holz auch zügeln...aber sie fanden es schön und sassen gerne dazu...

 

zudem haben wir Renate, eine Münchnerin die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten mit Rucksack, Auto und jetzt Minicamper unterwegs ist, zum Feuer eingeladen. Ich glaub, sie war schon in der Hippiezeit in Goa, hat Pakistan in den 80ern bereist und ist ziemlich cool. Wohl eher im Alter, wo andere Stricken und zum Töpferkurs gehen. Wir verbringen also einen schönen, bunt gemischten Abend am Feuer und bekommen am Morgen bei der Abreise, saugute Schwarze Schokolade von den Kasachen. Erstens ist sie super lecker, und zweitens und drittens und viertens hat sie eine wirklich wunderschöne Verpackung. Ich bin hin und weg. Verbiete Tinu sie zu essen - allerdings werden wir ja demnächst unseren Vorrat in Kasachstan aufstocken können. Also verspeisen wir sie dennoch🤭. 

Multikulti Feuerabend
Feuer geht immer - bei allen
Kasachisches Gold :-)

Am Morgen machen wir uns vom Acker in Richtung der heissen Schwefelquellen von Vani. Es grünt so grün unterwegs, kein Wunder bei dem Regen in den letzten Wochen. Flüsse sind hoch, Äcker stehen unter Wasser. Die Strasse ist eigentlich recht gut, allerdings gurken wir durch einen Ort nach dem anderen, man hat über viele Kilometer das Gefühl man sei immer innerorts. Unnötige "Bodenwellen" bremsen zig mal den Verkehr, obwohl das freilaufende Kühe, Schweine und Pferde an sich schon übernehmen. Übrigens gibt es in Georgien sehr wenig Zäune. Also Haselnussplantagen oder Rebberge sind eingezäunt, aber Vierbeiner sind alle frei...vielleicht hauen die Trauben sonst ab? Man weiss es nicht. Jedenfalls machen wir immer wieder Viecherslalom. 

Wir tanken bei einem unfreundlichen Tankwart und fahren die letzten Kilometer über eine fast afrikanische Piste. Wow, Indy rumpelt ganz schön, das Zeug in den Schränken wir neu sortiert und in der Küche fällt alles an einen neuen Platz. Aber dann: Eine wunderschöne Schwefelquelle, sehr wenig Müll, nur verteilt vier WoMos und zwei kleine Autos, dafür ganz viele freie Pferde mit Fohlen, Kühe und sehr freundliche, grosse Hunde. Die Region erinnert uns an den Jura, den wir so lieben - wirklich toll. Wir geniessen den Tag weil heute die Sonne so schön scheint und bereits für Morgen wieder Regen angesagt ist.

An diesem Tag ist es schon fast zu heiß in den Quellen. Aber es ist wunderschön einsam mit nur wenigen Campern, das Wasser ist sauber und das Bassin wird mit einem dicken Strahl Frischwasser immer wieder aufgefüllt. Gegen Abend kommt dann der vermeintliche Regen und bleibt uns treu. Es schüttet die ganze Nacht wie aus Kübeln und auch am Tag darauf wird es nicht besser. Man kann kaum von Regenpausen sprechen, die Temperatur ist mittlerweile auf etwa 14 Grad gefallen, rings um uns eine Sumpflandschaft. Aber hey: wir haben's trocken und eine Heizung, einen vollen Weinkeller und gut assortierten Kühlschrank und dazu noch einen Match der Schweizer Hockey Nati - also Heaven on Earth. Mitleid haben wir mit unseren Deutschen Nachbarn. Das junge Paar hat mit seinem Dachzelt auf dem Uralt-PKW und mit den beiden grossen Hunden vielleicht heute nicht das grosse Los gezogen, das Dachzelt wird wohl richtig aufgeweicht sein, so wie es geschüttet hat. Aber wir treffen sie mal gut gelaunt bei den heissen Pools, scheint also alles im Lot. 

Wir sitzen den grossen Regen aus, und als auch am nächsten Morgen Wasser ungebremst vom Himmel fällt, packen wir zusammen. Wir hüpfen also wieder über die üble Piste, die jetzt noch viel mehr unter Wasser steht und die Pfützen sich zu grossen Pools gemausert haben, weiter bis zur Hauptstrasse, immer Richtung Kutaissi. Heute sind die Dörfer nicht ganz so deprimierend wie gestern. Gerade die Region um Vani hat uns eher an Mosul im Irak erinnert, als an alles andere. Häuser als wären sie zerbombt, waren zwar einfach verlassen, unbewohnt und zerfallen, aber wenn sie nie weggeräumt werden ein ziemlich trostloser Eindruck. Viele Wohnblöcke sind in einem desolaten Zustand, die Menschen sehen sehr arm aus, vor allem auch die ältere Generation, die sich immer noch mit anstrengenden Arbeiten über Wasser halten muss. Geschäfte sind oft klein und altmodisch, gerade auf dem Land nur mit dem Nötigsten ausgestattet. 

Wir erreichen heute Kutaissi. Mit ihren 120 000 Einwohnern die drittgrösste Stadt des Landes, mitten in der Wein- und Teeregion. Eigentlich wollten wir zu einem Hotel mit Stellplatz, aber nach all dem Regen wird diese Wiese wohl eher einem Acker gleichen. Wir entscheiden uns für den asphaltierten Platz eines Einkaufszentrums, und gehen erst mal einkaufen für ein gescheites Mittagessen. Frisches warmes Brot direkt aus den typischen georgischen Steinofen und ein paar andere Leckereien, beleben uns wieder obwohl es immer noch wie aus Kübeln schüttet. 

Als der Regen endlich etwas nachlässt, setzt die Schweizer Hockey Nati ihren Siegeszug fort. Dann können wir natürlich auch nicht weg. Nach Siegestaumel und "W.Nuss vo Bümpliz" rufen wir uns einen Bolt (ähnlich wie Uber) und lassen uns ins Stadtzentrum bringen, was nur etwa vier Kilometer weit weg ist. Wir haben offenbar Louis Hamilton gebucht, denn unser Fahrer legt für die Fahrt einen neuen Streckenrekord hin und schmeisst sich in die Kurven wie auf einer Kart Bahn. Heilfroh erreichen wir erstaunlicherweise in einem Stück das Zentrum und verlassen das Gefährt. Für nur 1.50 CHF ein ganz schöner Adrenalinkick🤣. Durch die alten Gassen von Kutaissi weht ein kühler Wind, es sind nicht viele Menschen unterwegs. Es hat aber einige offenen Weinstuben und Restaurants und wir suchen uns einfach nach Gutdünken eines aus. 

Im ersten Stock über einem Büchermarkt erhellt warmes Licht eine grosse Fensterfront. An den vollen Tischen wird gegessen, geplaudert und es wirkt einladen kuschelig. Nach einer steilen Treppe finden wir im ersten Stock ein tolles, richtig gemütliches Restaurant. Holzig, etwas abgewohnt, Mobiliar im Second Hand Stil, aber gemütlich und vor allem es riecht richtig lecker. Wir werden vom jungen Kellner in sehr gutem Englisch begrüsst, und bekommen eine Speisekarte die ins Englische übersetzt ist. Zutaten sind ebenfalls bereits aufgelistet, und dennoch, wenn man die Speisen nicht kennt, kann man sich nur am Rande etwa darunter vorstellen. 

Wir bestellen also nach Gutdünken und der Kellner meint es sei eine gute Wahl. Und wirklich: in heissen Tontöpfchen kommt für mich geschmortes Rindfleisch mit Kartoffeln, Paprika und Zwiebeln, erstaunlicherweise schmeckt es etwas asiatisch - ob das am allgegenwärtigen Koriander liegt? Dazu gibt es eine säuerliche Kirschen/Pflaumensauce mit noch mehr Koriander, Tkemali. Schmeckt mir richtig gut und nennt sich im richtigen Leben Ojakhuri. 

Tinus Gericht hat ihn gefunden - Fondue auf Georgisch. Im Tontöpfchen ein Gemisch aus verschiedenen heissen Käsen, gebratenes Fleisch und Granatapfelkerne zur Dekoration. Hat uns zwar nicht ganz so gut geschmeckt wie meines, aber war allemal einen Versuch Wert. Dazu den, wie wir finden, grossartigen Wein aus Seperavi Trauben. Tiefschwarz/violett, wie er sonst nirgends zu finden ist. Kräftig Beerig im

Geschmack aber trocken. Richtig super. 

Ein Gitarrenspieler und ein Sänger begleiten den Abend mit georgischer Livemusik. Offenbar ist hier akustische Gitarre allgegenwärtig und die Lieder sind irgendwie immer melancholisch-schön. Wieder ein toller Abend in einem Restaurant - die Küche hier finden wir richtig gut. Wir werden also noch einiges testen.

31.5. Die Prometheus-Höhlen

Morgen wollen den Höhlen, die 50-60 Millionen Jahre alt sind und ganz in der Nähe von Kutaissi liegen, besuchen. Wir quartieren uns im nahen Two Oaks Camping ein, was die Übertreibung des Jahres ist, denn von Camping gibts eigentlich noch nicht viel zu sehen. Parken kann man nur direkt an der Strasse vor dem Restaurant, Duschen hat es keine, aber die Frauen, die diesen "Camping" führen, sind super. Nett, eloquent, witzig und herzlich. Also bleiben wir dennoch, denn sie sind im Aufbau, haben Gutes vor und können etwas Geld sicher gut brauchen. Immerhin können wir unseren Wassertank füllen, ihre Hunde kraulen und eigentlich hätten sie auch ein gutes kleines Restaurant, aber das ist bereits sehr voll, denn hier halten Busse in jeder Grösse für die Verpflegung ihrer Gäste auf dem Weg von und zu den Höhlen. Am Abend tanzt bei uns der Bär, denn eine Horde Jugendliche geraten zu georgischer Musik fast ausser Kontrolle. Ich sags ja, Georgische Musik!

Am Morgen früh, fahren wir die kurze Strecke zu den Höhlen, leider kann man nur die kurze Wanderung machen, denn die Bootsfahrt ist wegen Hochwasser nicht möglich. Die Höhlen dürfen nur mit Guide besucht werden, und so werden wir am Eingang des Visitor Centers mit vielen anderen Reisenden gesammelt. Die Dame, die die Führung übernimmt, war vielleicht früher Feldwebel in der Armee, jedenfalls hat sie ihre etwa " 60 Schäfchen" gut im Griff. Dreisprachig erklärt sie die "Do's an Dont's" für Höhlenbesucher und dann geht es auch schon los. Durch üppiges Grün, aber über einen gut ausgebauten Pfad, überwinden wir gemeinsam unzählige Treppenstufen und arbeiten uns in Kolonne zum Höhleneingang vor. Ab und zu bleibt unser Feldwebel stehen und faltet einige zusammen, die den Blitz einsetzen obwohl sie's doch deutlich verboten hat🤣.

Aber die grossen Höhlen sind echt schön, wir bewundern spektakuläre Stalaktiten und Stalagmiten in Hallen die teils viele Meter hoch sind, ab und zu bunt beleuchtet, zum Ende hin noch mit Musik untermalt, und kreuzen immer wieder kleine Flüsse und Seen. Schade, dass die Bootstour nicht stattfinden kann, aber bei all dem Regen in den letzten drei Monaten, ist es wohl nur logisch, dass der Wasserstand zu hoch ist. 

Da wir uns in einer der Weinregionen Georgiens befinden, wollen wir uns am Nachmittag ein kleines familiengeführtes Weingut ansehen. Mate's Marani produziert nur 5000 Flaschen Wein pro Jahr komplett ökologisch. Beim kleinen, sehr authentischen Weingut begrüsst uns die junge Besitzerin, und lädt uns in ihren Garten ein. Sie hat noch eine kleine Gruppe, die sie gerade verkostet, aber dann hat sie gerne Zeit für uns. Ihr Mann hat das Haus und den einfachen Weinbau des Grossvaters übernommen, und mit ihr zusammen weitergebracht. Beide haben sich in der Kunst des Weins weitergebildet und produzieren seit 2017 natürliche Weine nach traditioneller georgischer Methode, insbesondere in Qvevris, den typischen Tongefässen.

Während den Zeiten der Sowjetunion wurde in Georgien nur quantitative Weinherstellung betrieben. Nach der Abspaltung Georgiens fehlten leider die finanziellen Mittel und das Interesse und so wurden die Weinberge vernachlässigt oder deren Trauben komplett zerstört. Später erklärt sie uns, wie die viele Jahrhunderte alte Tradition der Weinherstellung mit den Tongefässen in der Erde funktioniert. Sie erklärt uns alles mit soviel Herzblut, ist stolz darauf was sie bereits erreicht haben, und wie immer wenn es um die Herstellung von Lebensmitteln geht, ist es ein Drahtseilakt zwischen Wetter, Krankheiten und Ungeziefer und natürlich dem Ertrag. Bei der Ernte der Trauben, können sie auf Familienmitglieder zurückgreifen, ansonsten machen sie und ihr Mann alles alleine. Die letzten beiden Jahre waren wohl sehr zufriedenstellend, aber für dieses Jahr erwarten sie nichts Gutes. Die letzten drei Monate hat es fast durchgehend geregnet, also auch während der Blüte. Keine Bienen - keine Trauben - so einfach wie bitter. 

Wir können uns in einen gemütlichen Degustationsraum setzen, sie legt eine Schallplatte mit georgischer Musik auf, (tatsächlich eine Vinylplatte) und bringt uns einen Teller mit einem Auszug der schier unerschöpflichen Käsesorten Georgiens, dem hauseigenen Honig und kleinen Rollen aus Auberginen gefüllt mit Baumnusspaste. Wir verkosten drei Weissweine und den einen Roten den sie herstellen. Interessant wie unterschiedlich die Weine riechen und schmecken, im Gegensatz zu jedem anderen vergorenen Traubensaft den wir bis anhin gekostet haben. Tinu kann sich damit gut anfreunden, ich eher nicht. Mir fehlt bei den Weissweinen das fruchtig-leichte was für mich ein Sommerwein ausmacht. Ich bin wohl eher das Sauvignon Blanc oder Pinot Grigio Mädel. Die hiesigen schmecken sehr erdig, taninig und stark. Aber es ist sehr sympathisch, wir erfahren viel Neues auch über Georgien im Allgemeinen, die Menschen und die Weinherstellung. Sie meint übrigens, dass in Georgien jedes Kind Bescheid über die Weinherstellung weiss. Denn offenbar macht fast jede Familie den Wein für den Eigenbedarf selber. Wenn man also nicht eigene Trauben im Garten anbaut, dann kauft man sich die gewünschte Menge, und setzt das Ganze im Keller an. Sie meint, das seien nicht die grössten Weine, aber durchaus geniessbar. 

Am Abend ist bereits wieder Regen gemeldet. Wir parken also erneut beim Carrefour, und lassen uns von einem Taxi ins Zentrum bringen. Bevor es richtig zu schütten beginnt, bummeln wir durch die Gassen und Parks, hören ein paar Kindern beim Karaoke zu, sind teils richtig baff, wie gut sich die kleinen schon auf der Bühne bewegen und singen, dann gibts für uns Schnitzel und Pommes im Brauhaus Victoria. Nicht die allergrösste kulinarische Errungenschaft aber doch ein guter Abschluss eines ereignisreichen Tages. 

2.6. Teeplantage Renegade

Die ganze Nacht waren die Schleusen des Himmels geöffnet, auch als wir am Morgen aufstehen, sind die Wolken noch dunkel und ab und an hört man einen Donner. Perfekt. Wir wollen heute nämlich auf eine Teeplantage. 

Hannes, ein ehemaliger Logistikkaufmann aus Estland, hat gemeinsam mit einem Freund sein bisheriges Leben an den Nagel gehängt, und stapft nun mit Gummistiefeln durch die Gegend. Er hat vor 7 Jahren beschlossen da Tee anzubauen, wo man es schon fast vergessen hatte. In Georgien. Seit fast 170 Jahren wird im Kaukasus Tee angebaut, mit allerlei historischen Wurzeln. Es wurden Samen aus China, Indien und Sri Lanka importiert und geschaut, was im Westen des Landes wächst. Bis zum Fall der Sowjetunion 1995 war Georgien die "Teekammer" Russlands und versorgte das ganze Land. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR dauerte es nur gerade 5 Jahre, bis 95% aller Teeproduzenten den Betrieb eingestellt hatten. Zu gross war die Konkurrenz aus China und Indien. Und so standen die Fabriken verlassen, die Plantagen verwilderten und gerieten fast in Vergessenheit. 

Von Tee hatten weder Hannes noch Thomas Ahnung. Also hiess es, neben  landwirtschaftlichen Grundlagen, ebenfalls "try and error" in der Teeherstellung. Mit viel Pioniergeist wurden unzählige "Muster" erstellt, viele davon eher untrinkbar. Hilfe erhielten sie dann aus Nepal. Seither tüfteln sie immer wieder an neuen Sorten, und erhalten ganz neue Geschmäcker, weil sie alte Rezepte und Traditionen zur Fermentation über Bord werfen und Temperatur, Dauer etc. ganz neu ausklügeln. 

 

Alex, der junge einheimische Manager erklärt uns erst alles in der Plantage, die so richtig unter Wasser steht. Die Büsche sehen eher desolat aus, sie müssten schon lange gepflegt und geputzt werden, allerdings können die Mitarbeiter nicht in die Hänge, solange es so matscht. Also wachsen Farne, Schlingpflanzen und Unkraut ungebremst durch die Büsche, und hemmen so das Wachstum der gewünschten neuen Blätter. Bei vielen der Teebüsche sind Holztafeln angebracht. Die Kunden, wie uns Alex erklärt. Sie haben so viele Stammkunden, die "ihren" Tee jeweils über Jahre vorbestellen, dass man ihn weder in Shops noch online bestellen kann. Er ist bereits ausverkauft, bevor er gewachsen ist. Georgien ist ja wie gesagt wirklich ein Land langer Teetradition, aber hier wird einer der landesweit besten Tees überhaupt angebaut. Alles in reiner Handarbeit. Das Pflücken sowieso, aber auch das Putzen der Büsche, das Schneiden der selben nach der Ernte, das Sortieren bevor die Blätter auf die Matten zum Trocknen ausgelegt werden und natürlich die getrockneten Blätter nach Qualität. Jedes Blättchen wird von A-Z persönlich betreut.

Alex entscheidet erst am Morgen wenn die Ernte beginnt, welchen Tee er an diesem Tag herstellt. Je nach vermutetem Wassergehalt der Blätter, Windstärke und Sonneneinstrahlung, ist ein guter Olong möglich, ansonsten ein Schwarzer Breakfast Tee. Und nur wenn draussen alles stimmt, also kein Wind, wenig Wasser in den Blättern, blauer Himmel, Sonne pur ohne Hitze, was nur an einigen wenigen Tagen im Jahr vorkommt, macht er den zart duftenden weissen Tee. Alles in Allem unter 10 Kilo pro Saison. Denn beim weissen Tee wird nur die Knospe und ein Blättchen geerntet, wobei es bei Olong und Schwarztee immerhin zwei Blättchen sind.

Alex geht auf bei der Degustation. Hatte am Anfang ebenfalls null Ahnung von Tee und war ein ausgemachter Bier Trinker. Jetzt ist er mit Leib und Seele dem Tee verschrieben - ausser in der Freizeit. Da trinkt er immer noch Bier. Heute haben wir viel über Tee und dessen Herstellung erfahren. Zudem haben wir mit Alex einen sehr netten Georgier kennengelernt, der uns auch sonst viel über Land und Leute erzählt hat. Übrigens macht auch seine Familie zuhause den eigenen Wein... und findet es etwas befremdlich, dass er Tee trinkt...🤣.

4.- 7. Juni 

Über Gori nach Tiblisi (Tiflis)

In ein paar Tagen sind wir mit Sonja, Prisha und Raj im Overland Haven ausserhalb von Tiflis verabredet. Die Deutsche Familie "Cali on Tour" haben wir damals in der Türkei kennengelernt, bevor wir alle in den Iran eingereist sind. Später haben wir sie in Saudi wiedergetroffen und hatten immer wieder mal Kontakt. Irgendwann haben wir herausgefunden, dass wir in diesem Jahr ungefähr zur selben Zeit in Georgien sein werden, und uns verabredet. 

Als es bei unserer Wasserfilteranlage so ausgesehen hat, als müsste der Hahn ersetzt werden, durften wir das Ersatzteil zu ihnen nach Hause schicken lassen, und sie haben es uns nun mitgebracht. Perfekt. Es war ja auch schon andersrum:

Im Iran hatten eigentlich alle Overlander den netten Studenten Erfan als Grenzhelfer. Das Visum der Familie war einige Tage früher gültig als unseres, und so sind sie eher eingereist. Sie sind immer ultraschnell unterwegs, denn Prisha kann immer nur für kurze Zeit nebst der regulären Ferien aus der Schule genommen werden, und natürlich wollen sie möglichst viel sehen. So haben wir nicht gedacht, dass wir die drei unterwegs nochmal sehen werden. Dann hat aber Erfan gefragt, ob wir die drei kennen würden. Ja klar. Er hat uns erklärt, dass er bei deren Bezahlung nicht genug Retourgeld hatte, und dass er ihnen noch 35 Euro schulde. Ob wir bereit wären, das Geld mitzunehmen und ihnen zukommen zu lassen. Bereit auf jeden Fall, aber die arabische Halbinsel ist ja nicht gerade klein. Jedenfalls haben wir die Kohle mitgenommen, und waren fortan nie im gleichen Land wie sie. Also wirklich nie...🙄

Der Oman war ihr Point of Return, und wir waren immer noch in Saudi Arabien unterwegs, als sie sich bereits auf den Rückweg gemacht haben. So vereinbarten wir uns am schönen Persischen Golf zur Geldübergabe. Passt doch. So geht das unter Overlandern 😅. Danke ihr Lieben!

Wir machen uns also von Kutaissi auf die 260 km lange Strecke. In Gori bleiben wir zwei Tage auf einem Stellplatz, der sich wirklich wunderschön zwischen Blumenfeldern und Russischen Olivenbäumen die gerade blühen, befindet. Wir sind alleine, waschen Wäsche, machen Spaziergänge und finden nur ein paar hundert Meter weiter, direkt am Fluss einen Platz der uns zuruft "kommt her, bleibt hier"! Eigentlich wollten wir nach zwei Tagen weiter, aber man sollte einen schönen Platz am Wasser (der so laut ruft) niemals auslassen, und so sammeln wir lieber Holz für ein Lagerfeuer, lauschen den Millionen Fröschen und machen wieder mal Steaks auf dem Feuer. 

Weiter geht es in Richtung Hauptstadt auf meist ziemlich guter Autobahn oder Hauptstrasse. Aber die Straßen wären deutlich sicherer, wenn keine Einheimischen unterwegs wären. Sie kommen in Sachen "Schlechten Fahrens" nicht an die Iraner heran, also bei weitem nicht, aber sie sind im Ranking schon weit oben. Ich google sogar mal, ob Einheimische eine Fahrprüfung machen müssen und erstaunlicherweise gibt es da genaue Vorschriften. Man würde es nicht glauben.

Was unterwegs ebenfalls auffällt ist, das Autos offenbar grundsätzlich auf viele Teile verzichten können, und dennoch verkehrstauglich sind (oder als solches gelten). Wer braucht schon Kotflügel, Stossstangen oder Kühlerhauben? Obwohl sie die gleichen Prüfungsintervalle für PW's haben wie bei uns, scheint das offenbar niemanden zu kümmern. So richtig komplette Autos sind eher selten und bestimmt neueren Datums. 

Um Tiflis herum ist die Strasse echt mühsam, grosse Baustellen, einspurige Verkehrsführung, überholende Laster und Kamikaze Piloten auf vier Rädern. Aber wir erreichen den Overlander Haven in einem Stück, und treffen dort Doris und Christian aus St.Gallen mit ihrem Landcruiser. Der Platz wird von Grant und seiner Frau geführt, ein Australisches Paar, welches auf seiner Weltreise hängengeblieben ist. Im Moment ist allerdings nur Grant vor Ort, Sarah ist am Morgen zum Flughafen gefahren, um nach Australien zu fliegen. 

Später gesellt sich noch ein Deutsches Paar dazu, Birgit und Rainer mit ihrem Sprinter unterwegs in Richtung Zentralasien. Wir bekommen Gelegenheit von Grants Wein zu kosten. Er macht, wie wir ja nun wissen wie jeder Einheimische, auch seinen eigenen Wein und dies erst seit drei Jahren. Als er vor fünf Jahren nach Georgien ausgewandert ist, war das noch nicht sein Plan, aber da hier jeder winzert, versucht er es auch🥴. 

Gegen acht kommen dann Sonja und Raj mit Prisha. Die armen sind heute von Batumi los, was über 400 km weit weg ist. Das dauert ganz schön. Jedenfalls plaudert es sich auch hier wieder nett, und wir verbringen ein paar vergnügliche Stunden mit den drei.  

Am nächsten Tag wird hier im Overlander Haven richtig gearbeitet. Chrigel und Doris wollen für Grant einen grossen Tisch mit Bänken zimmern, Chrigel ist nämlich Schreiner und praktischerweise sind gute grosse Bretter irgendwo in Grants Chaos-Fundus zu finden. Sie sind also den ganzen Tag gut bei der Sache und am Abend steht das Prunkstück fixfertig in der Werkstatt. Ein grosser Festtisch für etwa 12 Personen mit zwei Bänken dazu. MEGA!

Calis sind dabei ihr Auto auszuräumen, da es für zwei Monate im Overlander Haven bleibt.  Die elfjährige Prisha muss zur Schule, die Eltern wieder zur Arbeit.  Aber bevor das Auto eingestellt werden kann, muss es geputzt werden, die Wäsche gewaschen, die Taschen gepackt und der Kühlschrank geleert werden, es gibt also reichlich zu tun. Wir hingegen können's eher gemütlich nehmen. Wir packen zwar einige Wintersachen weg und trimmen Indy auf Sommeredition, machen Popcorn, arbeiten am Blog, Tinu flickt unsere gebrochene Schaufel, die wir brauchen um uns auszugraben wenn wir feststecken (in der Regel aber nicht selber brauchen sondern ausleihen) und anderen Kleinkram.

 

Am Abend, als wir nach ausgedehntem Apéro mit kochen fertig sind, braut sich ganz in der Nähe ein grosses Gewitter zusammen. Ringsum zucken Blitze und man hört schon das Krachen. Da es nirgends einen geschützten Ort gibt, fragen wir Grant ob wir zusammen in der Werkstatt essen dürfen. Wir richten uns also zwischen Schneepflug, neuem Festbank und Werkzeug ein, und zack, wird die Werkstatt mit Leuchtgirlande zu einem perfekten Partyraum. Nur ein paar Minuten später giesst es aus wie aus Kübeln auf das Blechdach, man kann das eigene Wort kaum hören. Es ist super gemütlich mit den dreien, endlich wieder mal lachende Gesichter und Menschen die gute Laune haben. Wir essen gut und trinken viel, hören georgische Musik und geniessen die gemeinsame Zeit. 

Für uns gehts auf der Wine Route weiter in Richtung Osten. Wir haben übermorgen auf dem Weingut Château Schuchmann ein Tasting und Abendessen gebucht, also nehmen wir schon mal ein Teil der Strecke unter die Räder. Das Wetter ist wunderbar und bei 27 Grad kurven wir durch die Rebberge Georgiens, unterbrochen von Aprikosenbäumen und vielen Wallnussplantagen. 

Ausserhalb eines Dorfes machen wir Halt bei einem kleinen orthodoxen Kirchlein auf einem Hügel. Die Aussicht auf den grossen Kaukasus ist herrlich, es ist einsam und saftig grün. Bald darauf kommen zwei grössere Autos mit einheimischen Männern, die sich für Picknick ausbreiten. Wär nicht unbedingt nötig gewesen, aber hei, dann halt. Wir schmeissen uns für ein Stündchen Siesta hin und bald darauf klopfts an der Autotür. Tinu wird auf Schnaps und Wein eingeladen, einer spricht sogar gut Deutsch und Französisch weil er ein paar Jahre in der Schweiz gelebt hat. SIe wollen Tinu an Fleisch und Fisch teilhaben lassen, aber das sieht offenbar nicht sehr gut aus. Tinu zieht jedenfalls die "ich ess leider weder Fisch noch Fleisch-bin Vegetarier-Karte", was selten genug vorkommt😂. 

Eine der Männer hat ein Weinberg in der Nähe und Tinu meint im Nachhinein, dass sei der bisher beste georgische Wein gewesen, den er zu kosten bekommen habe. 

Kurz darauf rauscht ein weisser Camper direkt auf uns zu. Ist wohl doch nicht so einsam hier. Aber es sind Marcus und Christiane, die wir kurz vor Trabzon kennengelernt haben. Cool, die zwei nochmal zu sehen. 

8.6.  Tsinandali

In diesem Dorf der Region Kachetien, sind die "edleren" Weingüter angesiedelt. Viele mit grossen, gepflegten Parks, hier gibt es sogar eine 5* Herberge von Radisson, und ein berühmtes Museum mit Weinkeller und Park, vom hiesigen Poeten und Komponisten Fürst Alexander Chavchavadze (1786–1847).

Der weitläufige Park ist anders ist als die, die wir davor gesehen haben. Eher wie ein englischer Garten mit schattigen Wegen, seltene Gehölze und blühenden, süss duftenden Büschen – sogar Bambus steht am Eingang.

Der Hausherr dieses Anwesens, entstammte einer der einflussreichsten Familien Georgiens. Sein Vater war Botschafter am Hof von König Irakli II., seine Taufpatin war niemand geringerer als Katharina die Große. Alexander selbst war General, Dichter, Komponist, sprach sechs Sprachen und pflegte engen Kontakt zu europäischen Intellektuellen. Er gilt als Begründer der modernen georgischen Weinwirtschaft. Auf seinem historischen Weingut Tsinandali wurde im 19. Jahrhundert erstmals Wein nach europäischen Methoden in Flaschen abgefüllt und die jahrtausendealte Qvevri-Tradition mit neuen Standards verbunden.

 

Wir sehen einige der historischen Räume, besonders beeindruckend ist das Arbeitszimmer des Fürsten, in dem der erste georgische Flügel gestanden haben soll. Die Verbindung aus Kultur, Musik, Gartenkunst und Weintradition ist beeindruckend - leider darf man nirgends fotografieren. Ausserhalb des Haupthauses kann man aber im alten Gewölbekeller, den historischen Weinkeller besichtigen. Wenn man mal die schlechtgelaunte Kriegerin am Eingang überwunden hat, ist er richtig interessant. 

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